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Liberale jüdische Gemeinde Göttingen

Die Jüdische Gemeinde Göttingen, die 1994 wieder auflebte, sieht sich in der Nachfolge der Vorkriegsgemeinde, die nach dem Ersten Weltkrieg mehr als 600 Mitglieder zählte, heute sind es weit weniger als 200. Sie knüpft an das deutsche Reformjudentum an, das mit Israel Jacobsen sowie der von ihm vor über 200 Jahren gegründeten Israel-Jacobsen-Schule in Seesen starke Impulse erhielt. Der dort 1810 errichtete Tempel wurde in der Pogromnacht vom November 1938 ebenso zerstört wie die während der Kaiserzeit gebaute große Synagoge in Göttingen. 1973 wurde an deren ehemaligem Standort ein Mahnmal mit den Namen der 258 deportierten und ermordeten Juden aus Stadt und Kreis Göttingen errichtet.

Der letzte Gemeinderabbiner war einen Monat vor den Pogromen nach Palästina ausgewandert: Hermann Ostfeld machte sich dort als Zvi Hermon einen Namen als Kriminologe und reformierte das Gefängniswesen in Israel. Zu seinen Amtsvorgängern in Göttingen zählen Dr. Benno Jacob (nach London emigriert, wo er 1945 starb), Dr. Siegfried Behrens (1942 aus Fürth deportiert und im KZ Majdanek ermordet) und Dr. Heimann Auerbach, ein Onkel von Marcel Reich-Ranicki (1939 in die USA emigriert, wo er 1957 starb).

Nach dem Krieg war Göttingen Zufluchtsort für Überlebende der Shoa und für sog. „displaced persons“, Überlebende der Konzentrationslager. Dem Kaufmann Richard Gräfenberg, der als einer von nur vier Juden in Göttingen überlebte weil er mit einer Christin verheiratet war, und Max Lilienthal, ein Versehrter des Ersten Weltkrieges der aus Theresienstadt heimkehrte, gelang es, die Gemeinde wiederzubeleben. Etablieren konnte sich die Gemeinde aber erst dank der Hilfe von Artur Levi aus München, der die Nazizeit in England überlebte und nach dem Krieg nach Göttingen beordert wurde, um beim Aufbau der Demokratie zu helfen. In den 70er und 80er Jahren war er als ehrenamtlicher Oberbürgermeister der Universitätsstadt tätig. Er starb hochgeehrt 2007 und fand seine Ruhestatt auf dem Friedhof der Gemeinde.

Dessen Anlage mit inzwischen fast 500 Grabstellen stammt bereits aus dem 17. Jahrhundert. Seit 2004 verfügt die Gemeinde wieder über ein eigenes Gemeindezentrum und seit 2008 über eine Synagoge. Mit Hilfe eines Fördervereins wurde zunächst das ehemalige Pfarrhaus der Marienkirche-Gemeinde in der Angerstraße zum Jüdischen Zentrum umgebaut. Im Garten dahinter steht die aus Bodenfelde an der Weser translozierte Synagoge. Diese wurde 1825 gebaut und nach Auflösung der dortigen Gemeinde durch die Provinzregierung Hannover im Jahr 1937 an einen Landwirt verkauft, der sie als Scheune nutzte. Im April 2010 konnten endlich auch zwei äußerst wertvolle Torarollen, die schwer beschädigt die Jahre des Naziterrors überstanden hatten und in Miami (USA) gekoschert worden waren, eingebracht werden.

Die Jüdische Gemeinde Göttingen ist längere Zeit von Rabbiner Henry Brandt und später von Rabbinatsstudenten des Abraham Geiger Kollegs betreut worden. Derzeit ist dafür Rabbiner Gabor Lengyel verantwortlich. Die weit überwiegend russisch-sprachigen Mitglieder erhalten eine nachhaltige Sozialberatung. Zum gemeindlichen Angebot gehören dauerhaft Deutschkurse und vielfältige Kulturangebote. Mit dem Gold-Quartett unterhält die Gemeinde eine sehr aktive Musikgruppe.