Das liberale Judentum

Das liberale Judentum ist sich seit seinem Entstehen zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Schwierigkeit bewusst, Gottes Willen im Alltagsgeschehen zu begreifen, und es betrachtet die menschlichen Bemühungen darum als heilige Aufgabe, der man mit besten Kräften nachkommen soll. Judentum, liberales wie orthodoxes, ist ein vom jüdischen Volk angenommener Auftrag, die mit der Tora gegebene Ethik lernend und lehrend weiterzuentwickeln und in der sozialen Praxis, im alltäglichen Leben, zu verwirklichen.

Gottesdienste und Gebete, vor allem aber die mit vielschichtiger Symbolik durchsetzte rituelle Praxis erinnern beständig an diesen Auftrag, erneuern und bestärken die Bindung an den Bund, den das jüdische Volk am Sinai mit dem Ewigen eingegangen ist. Das liberale Judentum unterscheidet sich jedoch von der Orthodoxie insbesondere durch eine andere Haltung zur Offenbarung, eine andere Auffassung der rituellen Praxis und durch die Betonung des „Einschlags des Persönlichen in die Religiosität“ (R.M. Dienemann).

Rabbiner Leo Baecks Bemerkung, „liberal zu sein ist so viel schwerer“ – schwerer, weil man anders als die Orthodoxie keine fertigen Antworten hat, sondern individuelle Gewissens- entscheidungen treffen muss – mag überspitzt klingen, beinhaltet aber eine gewissen Wahr- heit. Die individuelle Auseinandersetzung mit Fragen der Lebensführung kann nicht nur belastend, sondern auch kreativ und inspirierend sein. Sie zwingt den Einzelnen, Prioritäten zu setzen und bringt Tag für Tag die Herausforderungen mit sich, darüber zu reflektieren, wie man sich am besten als Jude oder Jüdin verhält.

Das liberale Judentum ist also weit davon entfernt, „bequem“ zu sein, wie Kritiker oft behaupten. Stattdessen verkörpert es die wörtliche Bedeutung des Wortes „Israel“ („der mit Gott ringt“; vgl. Genesis 32,29) und ist ein ständiger Versuch, die höchsten Ideale mit den Gegebenheiten des Alltags zu verbinden und inmitten der modernen Gesellschaft bewusst jüdisch zu leben.

Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka
Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam
Mitglied des Executive Boards der Weltunion für progressives Judentum
Landesrabbiner des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden
von Niedersachsen von 1998 – 2000